Wenn Kirchen ihre wichtigste Aufgabe vergessen
Eine Kirche sollte ein Ort der Zuflucht sein. Ein Ort der Menschlichkeit. Ein Ort, an dem Menschen in Not Schutz finden.
Doch genau das scheint das Zürcher Fraumünster während des schweren Unwetters vom vergangenen Freitag vergessen zu haben.
Während draussen Sturm, Hagel und herumfliegende Gegenstände Menschen gefährdeten, suchte ein Ehepaar Schutz im Eingangsbereich der Kirche. Die Frau war hochschwanger und erlitt laut Medienberichten aufgrund der dramatischen Situation sogar eine Panikattacke.
Statt Schutz zu erhalten, wurden die beiden aufgefordert, die Kirche wieder zu verlassen.
Eine Kirche ist kein Museum
Besonders stossend ist die Tatsache, dass sich das Ganze während eines Unwetters ereignete, das nachweislich lebensgefährlich war.
Am gleichen Tag wurde in Zürich eine 16-jährige Jugendliche von einem herabfallenden Ast getroffen. Sie erlag später ihren Verletzungen im Spital. Mehrere weitere Personen wurden durch umstürzende Bäume verletzt.
Wer angesichts solcher Ereignisse Menschen aus einer Kirche schickt, weil sie dort Schutz suchen, hat den eigentlichen Sinn einer Kirche nicht verstanden.
Eine Kirche ist kein Museum. Keine Eventhalle. Keine Touristenattraktion.
Eine Kirche sollte in erster Linie für Menschen da sein.
Menschlichkeit hätte Vorrang haben müssen
Die Frage lautet: Wie konnte eine solche Entscheidung überhaupt getroffen werden?
Muss man tatsächlich diskutieren, ob eine hochschwangere Frau während eines schweren Gewitters vor die Tür geschickt werden soll?
Muss man in einer solchen Situation ernsthaft über Zuständigkeiten, Vorschriften oder Hausordnungen sprechen?
Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand hätte erkennen müssen, dass die Sicherheit von Mutter und ungeborenem Kind oberste Priorität haben muss.
Ein Symbol für die Entfremdung der Kirche
Der Vorfall wirkt wie ein Symbol für ein grösseres Problem.
Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sich die Kirchen von ihrem ursprünglichen Auftrag entfernen. Die Institution scheint vielerorts wichtiger geworden zu sein als die Menschen, für die sie eigentlich da sein sollte.
Natürlich leisten viele Pfarrerinnen, Pfarrer und Freiwillige wertvolle Arbeit. Doch Ereignisse wie dieses beschädigen das Vertrauen nachhaltig.
Denn die meisten Menschen erwarten von einer Kirche keine perfekten Predigten, keine politischen Stellungnahmen und keine Verwaltungsreformen.
Sie erwarten Mitgefühl.
Sie erwarten Menschlichkeit.
Sie erwarten Hilfe in einer Notsituation.
Die Botschaft nach aussen ist verheerend
Die Bilder, die dieser Vorfall hinterlässt, sind verheerend:
Draussen tobt ein gefährlicher Sturm.
Eine hochschwangere Frau sucht Schutz.
Die Türen einer Kirche stehen offen.
Und trotzdem soll sie wieder hinaus.
Für viele Menschen wirkt ein solches Verhalten kalt, bürokratisch und fern jeder christlichen Nächstenliebe.
Kirchen verlieren ihre Glaubwürdigkeit nicht durch leere Bänke
Oft wird darüber diskutiert, weshalb immer mehr Menschen aus den Kirchen austreten.
Der eigentliche Grund liegt vielleicht nicht in gesellschaftlichen Veränderungen oder fehlendem Interesse an Religion.
Vielleicht liegt er auch darin, dass Menschen erwarten, dass Kirchen in schwierigen Momenten das tun, wofür sie seit Jahrhunderten stehen sollten:
Die Türen öffnen.
Schutz bieten.
Menschen helfen.
Das Fraumünster hat an diesem Tag die Gelegenheit verpasst, genau das zu tun.
Und genau deshalb sorgt dieser Vorfall weit über Zürich hinaus für Empörung.
Quelle: Blick